Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich am heutigen 18. Sonntag nach Trinitatis. Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir im 12. Kapitel des Markusevangeliums, die Verse 28-34. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Die Frage nach dem höchsten Gebot

Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen ? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: “ Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ (5. Mose 6, 4.5). Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet ! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde,

auch wenn die Überschrift unseres heutigen Predigttextes die Frage nach dem höchsten Gebot aufwirft, handelt es sich doch im Detail betrachtet um 3 Gebote. Lassen Sie uns diese drei höchsten Gebote heute morgen einmal gemeinsam etwas näher betrachten:

1. Gebot: Gott lieben

Natürlich lieben wir Gott, das ist doch klar. Ansonsten säßen wir nicht hier beieinander oder würden diese Predigt lesen. Aber das Gebot, Gott zu lieben geht ja noch weiter. Es beschreibt ganz genau, wie wir Gott lieben sollen.

Dort lesen wir, wir sollen Gott von ganzem Herzen lieben. In der Bibel wird das Herz den Menschen auch als das Zentrum der Person dargestellt. Das Herz ist unter anderem der Ort, an dem die lebenswichtigen Entscheidungen getroffen werden. Wenn wir Gott also von ganzem Herzen lieben sollen, dann handelt es sich dabei nicht um eine schwärmerische Liebe, sondern um eine Liebe, der eine verstandesmäßige Entscheidung vorausgegangen ist.

Das mag vielleicht ein wenig nüchtern und abgeklärt klingen, aber Gottes Reich ist kein Reich für Schwärmer und Phantasten. Gottes Reich ist ein ganz reales Reich, welches von verstandesmäßig orientierten und liebenden Menschen aufgebaut werden muss. Unser Land wird ja auch nicht von einer Horde Clowns und Komikern regiert, sondern von Vollblutpolitikern, die ihr Geschäft verstehen.

Von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Hier kommt es dann doch noch ins Spiel, das Gefühl. Natürlich sollen wir Gottes Reich nicht wie eiskalte Analytiker, eventuell noch nach Kosten und Nutzenabwägungen aufrichten. Wir sollen von ganzer Seele und von ganzem Gemüt dabei sein. Nach unserem verstandesmäßigen Ja zu unserem Herrn sollen wir seine Liebe, die in uns Einzug gehalten hat auch 1:1 in den Aufbau seines Reiches umsetzen.

Und das in allen Lebenslagen und Stimmungen. Wenn es uns so richtig gut geht, haben wir alle gar keine Probleme unserem Herrn zu danken. Wenn hingegen das Gegenteil der Fall ist, kommen die Menschen doch häufig ins Zweifeln und Wanken. Und genau hier besagt dieses höchste Gebot, genau in diesen Lagen sollen wir Gott auch lieben. Ich soll ihm also danken, wenn es mir so richtig mies geht? Ganz genau. Gott macht nämlich keine Fehler. Er ist auch gerade dann bei uns, wenn einmal die trüben Tage kommen. Er ist dann bei uns, um uns zu trösten und zu leiten gerade in den schweren Tagen unseres Lebens.

Mit allen Kräften. Wenn ich jemanden mit allen meinen Kräften liebe, dann bin ich ganz allein auf ihn fokussiert. Und genau dies ist hier gemeint. Gott erwartet unsere ganze ungeteilte Liebe. Wir sollen eben nicht Gott zum Teil lieben das Geld anbeten oder unsere Karriere oder irgendeine Person Gott gleich stellen oder über Gott stellen. Gott ist es, dem unsere ganze Kraft und Liebe gebührt.

2. Den Nächsten lieben

Nun geht es darum, unseren Nächsten zu lieben. Wer ist denn eigentlich unser Nächster ? Ist es mein Nachbar, dem es zur Zeit nicht so gut geht? Ist es der Bettler an der Ecke, der tagein tagaus dort sitzt und von dem Wohlwollen der vorübergehenden Passanten abhängig ist?

Ich glaube, die Fragestellung als solche hakt schon ein wenig. Wie wäre es, wenn ein wenig anders fragen, nämlich so: Wem kann ich der Nächste sein? Dann ist die Passivität aus der Fragestellung aufgehoben. Dann sind wir aktiv gefragt, Augen und Ohren offen zu halten, wo denn jemand sein könnte, dem wir gerade in diesem Moment der Nächste sein können.

Und Gott wird uns schon Menschen zeigen, die dringend unserer Hilfe bedürfen. Wie bei Gott kein Ansehen der Person stattfindet, so sollte dies bei uns natürlich auch nicht sein. Egal, wer uns auch als Nächster an die Seite gestellt wird, genau demjenigen müssen wir der Nächste sein.

3. Wie Dich selbst

Wer ausgepowert, ausgelaugt und miesepetrig durchs Leben geht, dem fällt es natürlich schwer, anderen Menschen zu helfen. Ich erlebe dies immer wieder in Ehrenämtern. Da setzen sich Menschen bis an das Ende ihrer Kräfte ein und werden irgendwann missmutig, wenn es nicht so läuft, wie sie es sich wünschen oder wenn die vermeintlich zustehende Anerkennung einfach ausbleibt.

So kann ich keinem Menschen wirklich der Nächste sein. Ich kann meinem Nächsten nur der Nächste sein, wenn ich auch mir der Nächste bin. Wir können zum Beispiel nur von der Kraft etwas abgeben, die uns Gott zur Verfügung stellt. Wer keine Kraft mehr hat, der kann logischerweise auch keine mehr abgeben.

Bleiben wir doch ruhig einmal beim Thema Geld. Wenn ich mich selbst liebe, also mir selbst auch mal etwas gönne, dann ist dies vollkommen in Ordnung. Gott möchte dies ausdrücklich. Erst wenn ich alles für mich und meine Bedürfnisse verprasse oder sogar noch Schulden mache, dann ist dies eben nicht mehr in Ordnung.

Wenn ich mir selber etwas gönne, dann geht es mir auch mental gut und ich kann mich an dem neuen Gegenstand erfreuen. Nun bin ich in der Lage von dem Rest des Geldes auch noch fröhlichen Herzens etwas abzugeben. Denn auch darauf kommt es an. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Und das geht weit über das Geld hinaus. Da ist dann auch die Freizeit, die ich für mich genießen und Kräfte sammeln kann, um an anderer Stelle etwas von der restlichen Freizeit anderen abzugeben, indem ich Ihnen zum Beispiel bei der Hausaufgabenbetreuung ehrenamtlich zur Verfügung stehe.

Aber niemals, aber auch wirklich niemals darf die Eigenliebe zu kurz kommen. Ich glaube, wir als Christen müssen uns schon immer mal wieder daran erinnern, dass auch die Eigenliebe von Gott gewollt ist. Christen neigen im allgemeinen nämlich dazu, eigene Bedürfnisse immer hintenan zu stellen.

Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Sie kennen alle die WWJD-Armbänder (What would Jesus do ). Wenn ich so lebe, also immer den Anspruch an mich selbst stelle, alles so machen zu wollen, wie Jesus dies getan hat, werde ich automatisch scheitern. Ich bin eben nicht Jesus und soll auch nicht so tun als ob. Denn dann bleibt mir keine Zeit mehr für Eigenliebe und ich lege einen hundertprozentigen christlichen Burnout hin. Und das ist es, was Gott überhaupt nicht will.

Mit dieser euen Einstellung können wir auch unsere Alltagstätigkeit in dem Sinne aufnehmen, wie sie der erste Vers des Liedes „In Gottes Namen fang ich an…“ (EG 494) von Salomo Liscow beschreibt, der da lautet, wie folgt:

In Gottes Namen fang ich an, was mir zu tun gebühret;
mit Gott wird alles wohlgetan und glücklich ausgeführet.
Was man im Namen Gottes tut, ist allenthalben recht und gut
und kann uns auch gedeihen.

Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig
Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche. Und vergessen Sie die Eigenliebe nicht !!!

Es grüßt Sie alle ganz herzlich
Ihr

Ulrich Naber

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