Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle recht herzlich am heutigen Sonntag Judika. Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir bei Markus, Kapitel 10, die Verse 35-45. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu
meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Liebe Gemeinde,

es hat sich wohl nicht viel geändert in den letzten 2000 Jahren. Auch heute geht es doch ähnlich ab, wenn es um die Verteilung von angesehenen Posten und Stellen geht. Hat man den Chef schon einmal alleine für sich, dann macht man doch gleich Werbung in eigener Sache. Bloß immer den anderen zuvorkommen, man könnte ja sonst benachteiligt werden. Letztendlich geht es doch nur darum, möglichst schnell die Karriereleiter hinaufzusteigen, damit man endlich herrschen kann und nicht immer nur dienen muss.

Begleitet ist dieses Procedere meist von unzähligen Intrigen, Ränkespielen und natürlich auch jeder Menge Enttäuschungen.

Genau so eine Situation finden wir im heutigen Predigttext vor. Und dann stellt Jesus das vor, was ich einmal als Jesus Prinzip bezeichne. Er stellt mit seinem „Dienen anstatt Herrschen“ wohl alles auf den Kopf, was bisher so seine Gültigkeit hatte. Und doch bewirkt das Jesus Prinzip eine ganze Menge. Lassen Sie uns heute Morgen einmal dieses Jesus Prinzip und seine Auswirkungen auf uns etwas näher betrachten.

1. Liebe und Fürsorge

Wir hatten eingangs schon darüber gesprochen, dass der Kampf um den nächsthöheren Posten meist nicht ohne Reibereien einhergeht. Wenden wir doch in dieser Situation einmal das Jesus Prinzip direkt an. Stellen wir uns doch einmal vor, wir würden in einer ähnlich gelagerten Situation wie der unseres Predigttexte nicht uns selbst, sondern einen Mitbewerber für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter empfehlen.

Wäre das nicht viel entspannter, als selber um alles kämpfen zu müssen.
Stellen wir uns einmal vor, unser Mitbewerber würde diesen Job bekommen. Wenn er erfährt, und er wird es erfahren, dass wir ihn vorgeschlagen haben, wird es zu einem sehr viel entspannteren Verhältnis mit ihm kommen. Anstelle gegenseitiger Machtkämpfe kann es tatsächlich zu einem
Miteinander kommen, welches von Vertrauen und der Fürsorge füreinander getragen wird.

Wenn wir uns einmal vor Augen führen, dass nach einer aktuellen Mc Kinsey Studie nahezu jeder Manager in einer Führungsposition rund 40 % seiner Arbeitszeit damit verwendet, um Menschen abzuwehren, die an seinem Stuhl sägen, ist es hochnotwendig, dass wir so schnell wie möglich dieses Prinzip in die Tat umsetzen. 40 % unproduktive Zeit sprechen wohl schon allein für sich.

Aber sind wir nicht die gutmütigen Trottel, die den anderen alles überlassen und das auch noch vollkommen kampflos? Wird man uns nicht auslachen, wenn wir genau dies tun? Das kann durchaus passieren und es wird sicherlich auch so sein, aber langfristig werden wir uns mit dem Jesus Prinzip durchsetzen. Übrigens, wenn wir uns den Predigttext genau ansehen, dann handelt es sich bei dem Hinweis von unserem Herrn nicht um eine unverbindliche Hilfestellung, wie wir uns verhalten sollen.

„Aber so ist es bei euch nicht“, so lesen wir es in unserem Predigttext.
Jesus unterstellt also, dass wir uns natürlich so verhalten, wie er es uns vorgibt. Also lassen Sie uns dies auch so tun. Und wenn es einmal partout nicht klappen will, unser Herr ist nur ein Gebet weit entfernt.

2. Gewalt

Es war Weihnachten 1914. Englische und deutsche Soldaten bekämpften sich an der Front. Und auf einmal stiegen Sie aus ihren Schützengräben und verbrachten das Weihnachtsfest in vollkommener Eintracht.

Das passiert immer dann, wenn wir das Jesus Prinzip anwenden. „Wer groß sein will, der soll dem anderen dienen“, so sagte es uns unser Herr. Dienen heißt aber auch im Weiteren dem anderen zuvorzukommen. Zuvorzukommen zum Beispiel mit einer Deeskalierung von Gewalt.

Wie schnell entsteht aus einem harmlosen Streit hemmungslose Gewalt. Das können wir nahezu jeden Abend im Fernsehen verfolgen. Denken wir doch einmal darüber nach, was passieren würde, wenn gleich zu Beginn eine der Streitparteien nachgegeben hätte. Wir hätten darüber gar nichts in den Nachrichten gehört, da dort wieder der Friede Einzug gehalten hätte.

Wie oft meinen wir als Eltern zum Beispiel unsere Machtansprüche unseren Kindern gegenüber durchsetzen zu müssen.“ Solange du deine Beine noch unter meinem Tisch…“, das kennen vermutlich die Älteren unter uns noch all zu gut. Was passiert? Die Fronten verhärten sich. Was wäre, wenn wir dem Jesus Prinzip folgend auf unseren zugegebenermaßen sehr renitenten Nachwuchs eingehen würden, versuchen würden seine Probleme zu erkennen und dann ein Hilfsangebot anstelle einer Machtdemonstration unterbreiten würden.

Genau das schlägt uns Jesus vor. Nur so nebenbei bemerkt, das ist ungleich schwerer, als die eigene Macht zu demonstrieren. Macht zu demonstrieren das kann nun wirklich jeder Depp. Aber es sagt ja auch keiner, und Jesus schon gar nicht, dass das praktizierte Christentum jeden Tag eitel Freude bedeutet.

Übrigens sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, dass diese Form der Kommunikation auf der anderen Seite auch nicht ohne Wirkung bleibt. Wenn wir der anderen Seite keine Angriffsfläche mehr bieten, kann sie auch nicht zurückschlagen. Warum sollte sie auch schlagen? Es gibt ja gar keinen Grund dafür. Und dann kann sich das Jesus Prinzip weiter ausweiten. Wer nicht mehr zurückschlagen muss, der wird automatisch ein Stück weit Frieden in seinem Herzen tragen, der ideale Nährboden
übrigens für das Jesus Prinzip.

3. Gemeinschaft

In welcher Gemeinschaft sind wir lieber: In einer Gemeinschaft, wo es nur darum geht, wer an der Spitze steht oder aber in einer Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, gerade den schwächsten Gliedern zur Seite zu stehen? Ich muss kein Prophet sein um zu sagen, dass wir uns
in letzterer wohl ungleich besser aufgehoben fühlen, als in einer Gruppe von machtgierigen Egozentrikern.

Aber wie komme ich in eine solche Gemeinschaft hinein? Ich sage mal ganz provokant: Gar nicht!!! Wir müssen sie schon selber gründen. Ja, liebe Gemeinde, dies sagt Jesus explizit aus. Das Jesus Prinzip fängt immer bei mir an. Ich darf, kann und soll nicht erwarten, dass mein Gegenüber damit beginnt. Ich bin hier gefragt, ich ganz allein.

Wenn ich das Jesus Prinzip in die Tat umsetze, also wenn ich nicht immer der erste sein will, wenn ich es mir zur Aufgabe mache, meinen Mitmenschen zu helfen, dann trete ich eine Spirale los, die sich immer mehr zum Jesus Prinzip entwickelt.

Wir leben in einer Welt, die nach dem Motto lebt: „Erst komm ich und dann komm ich und dann kommst Du noch lange nicht.“ Wenn wir Jesus ernsthaft nachfolgen wollen, dann müssen wir uns auf der Stelle von diesem Lebensmotto endgültig verabschieden. Erst wenn wir beginnen dieses Motto in sein Gegenteil umzukehren, erst dann sind wir auf dem richtigen Wege, auf dem Wege, den unser Herr gern mit uns gemeinsam gehen möchte.

Jeder Weg beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt. Und wenn er noch so weit zu sein scheint, dieser Weg, so sollten wir heute den ersten Schritt tun. Und wenn wir auf dem Wege verzagt und müde werden und manchmal auch so recht nicht mehr die richtige Richtung erkennen, dann dürfen wir immer wieder unseren Herrn bitten, uns doch wieder den rechten Weg aufzuzeigen. ER wird sich bestimmt nicht umsonst bitten lassen.

Man darf keine Wunder erwarten. OK, das sehe ich ein. Das hat Mutter Teresa bestimmt auch nicht getan, als sie ihr Hilfsprojekt begann. Und was ist heute daraus geworden? Denken wir also nicht immer gleich an die großen Ziele und Dinge, die wir mit dem Herrn Jesus zusammen erreichen möchten. Tun wir genau das, was Gott uns direkt vor die Füße legt. Und machen wir dies in seinem Sinne. Ich bin sicher, dass sich dann immer mehr solcher Gemeinschaften bilden werden, die einander dienen anstatt einander zu beherrschen.

Dies alles kann aber nur gelingen, wenn der Herr Jesus in unserem Leben an erster Stelle steht. Eine derart ehrfurchtsvolle Haltung beschreibt der Liederdichter Bartholomäus Crasselius sehr schön in dem 1. Vers seines Liedes „Dir, dir, o Höchster will ich singen…“ (EG 328), der da lautet, wie folgt:

Dir, dir, o Höchster will ich singen,
denn wo ist doch ein solcher Gott wie du ?
Dir will ich meine Lieder bringen;
ach gib mir deines Kraft dazu,
dass ich es tu im Namen Jesu Christ,
so wie es dir durch ihn gefällig ist.

Der Herr gebe Dir die Kraft Deinen Mitmenschen zu dienen
Der Herr gebe Dir den Mut, immer den ersten Schritt zu wagen
Der Herr segne Dich allezeit bei Deinem Dienst an Deinen Mitmenschen

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.

Es grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr

Ulrich Naber

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