ePredigt vom 19.06.2016 (Lukas 6, 36-42)

Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich am heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis. Eine zentrale Fragestellung sollte unter uns Christen auch diejenige sein, wie wir mit unserem Nächsten umgehen. Auf diese Frage hat unser heutiger Predigttext dann denn auch die richtige Antwort. Wir finden den Predigttext für den heutigen Sonntag bei dem Evangelisten Lukas im 6. Kapitel, die Verse 36-42. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Von der Stellung zum Nächsten

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du sieht selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext liefert uns dann auch gleich mehrere Hinweise, wie wir mit unserem Nächsten umgehen sollten. Lassen Sie uns ein paar dieser Ratschläge heute Morgen einmal gemeinsam bedenken.

1. Richtet nicht

Dann sollen wir also alles ganz stoisch und gelassen mit uns machen lassen. Das, liebe Gemeinde, ist nicht mit der Aussage des „Richtet nicht“ gemeint. Auch sollen wir nicht zu allem das vielzitierte „Ja und Amen“ sagen. Wenn wir sehen, dass ganz offensichtlich gegenüber christlichen Werten verstoßen wird, dann haben wir die Aufgabe, aufzustehen und unseren Widerstand dagegen kundzutun.

Wenn immer mehr Kinder abgetrieben werden, dann haben wir aufzustehen und zu sagen, dass dies ganz einfach Mord und ganz bestimmt nicht Gottes Wille ist. Wenn Sitte und Moral immer mehr verkommen, dann müssen wir der Fels in der Brandung sein, der eben nicht alles mitmacht, was der mainstream ebenso für richtig und moralisch und ethisch hält.

Was ist aber dann gemeint mit diesem „Richtet nicht“? Bei dem Wort richten denken wir auch gleich an das Wort Urteil. Und vor dem Urteil gibt es die Vorurteile. Und genau diese sind hier gemeint mit dem „Richtet nicht“.

Wie schnell sind wir doch mit Vorurteilen bei der Hand. Da werden Zeitungsmeldungen ganz gezielt gegen Flüchtlinge lanciert und wir stimmen gleich lauthals mit ein. Da wird ein bekannter Wettermoderator durch eine noch bekanntere Tageszeitung öffentlich demontiert. Und wir, wir stoßen schnell in das gleiche Horn.

Als Christen sollen wir uns gegenüber dem Nächsten, dem etwas vorgeworfen wird, unvoreingenommen verhalten. Wir sollen prüfen und nicht nachplappern. Wir sollen dem Nächsten die Chance geben, sich gegen erhobene Vorwürfe zur Wehr zu setzen und nicht gleich, wenn auch nur verbal, auf diesen losschlagen.

Wir sollten immer an den Balken in unserem Auge sehen und uns zuerst diesem zuwenden, bevor wir den Nächsten verurteilen.

2. Verdammt nicht

Verdammung bedeutet in seinem Wortsinn: Auf ewig ausschließen. Hat das ein Mensch verdient? Ja, aber natürlich hat das ein Mensch verdient. Wir beide Du und Ich, die wir gerade diese Worte hören, wir Beide haben eigentlich die ewige Verdammnis verdient.

Warum? Weil wir im Grunde unseres Herzens Sünder sind und eines vor Gott nicht gegenwärtig sein darf, nämlich die Sünde. Gott sei Dank haben wir es mit Gott höchstpersönlich zu tun. Und dieser Gott hasst zwar die Sünde in jedweder Form auch immer. Aber gleichzeitig liebt dieser Gott den Sünder ohne Ende. Damit wir Beide der ewigen Verdammnis entkommen, musste Gott also einen Weg schaffen, welcher die Sünde von dem Sünder trennt, der Sünder also vollkommen makellos vor Gott treten kann.

Indem er seinen Sohn auf Golgatha für all unsere Sünden bezahlen ließ, war diese Trennung von Mensch und Sünde ein für alle Male überwunden. Das ist zunächst einmal ein Angebot Gottes an uns. Gott möchte nämlich, dass alle Menschen errettet werden. Um der Verdammnis zu entgehen müssen wir dies nämlich im Glauben annehmen. Wer mit der ganzen Sache nichts zu tun haben will, den lässt Gott auch in Ruhe. Der muss dann allerdings nach seinem Tode den Weg in die ewige Verdammnis antreten, aber die hat er ja schließlich selber erwählt.

Zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens können wir dieses Gnadengeschenk annehmen. Und wenn wir dann doch wieder einmal rückfällig werden, dann dürfen wir auch wieder zurückkommen. Errettet ist errettet. Wir sind durch den Glauben wieder zu Gottes Kindern geworden. Und dies bleibt auch so. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Sohn. Käme der auch nach jeder Verfehlung und fragte: Papa, darf ich trotzdem dein Kind sein ? Natürlich nicht. Er ist und bleibt das geliebte Kind des Vaters. Dass er sich die in oder andere Standpauke anhören muss, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Aber das ändert nichts an der Sohnschaft.

Wenn uns Gott nicht verdammt, wer glauben denn wir zu sein, dass wir jemanden verdammen könnten? Unsere Aufgabe als Christen ist es, unserem Nächsten die Türe zurück immer wieder ganz weit aufzuhalten und ihm diese nicht vor der Nase zuzuschlagen, egal, was dieser getan hat.

3. Vergebt

Mit Vergebung, liebe Gemeinde, ist kein einfaches „Schwamm drüber“ meinerseits gemeint. Dieses wäre ohnedies in den meisten Fällen nicht ehrlich.

Vergebung heißt, dass ich die bekundete Reue des Täters annehme. Vergebung ist also zunächst einmal ein aktiver Akt dessen, der eine Verfehlung begangen hat. Wer sein Fehlverhalten gar nicht bereut und dies auch offen zugibt, dem können wir als Christen ja auch gar nicht die Vergebung zusprechen.

Jetzt muss ich ein wenig persönlich werden. In jeder zu vergebenden Fehltat steckt auch ein bisschen was von mir drin. Wie oft ertappe ich mich insgeheim bei dem einen oder anderen, wenn auch nur geplanten oder beabsichtigen Fehlverhalten. Wenn wir jemandem aufrichtig vergeben, dann sagen wir im Stillen gleichzeitig: Ich vergebe Dir, weil ich weiß, dass etwas von dem, was Du mir angetan hast, auch in mir steckt. Aber Du hast Dein Fehlverhalten eingesehen und darum vergebe ich Dir.

Vergebung ist also alles andere als ein großzüger und gnädiger Akt unsererseits. Übrigens: Das Gegenteil von Vergebung ist die Rache. Und diese ist ganz bestimmt kein göttliches Instrument.

Die juristische Form der Vergebung ist übrigens die Gnade. Und wie mir Gnade widerfahren ist, so liegt es auch an mir, diese Gnade an denjenigen weiter zu reichen, der mich verletzt hat. Die Gnade habe ich übrigens nicht verdient, sondern sie ist mir gewährt worden.

Aus dieser Gnade leben wir übrigens allesamt jeden Tag unseres Lebens. Wir haben diese Gnade auch alle bitter nötig, da wir alle jeden Tag sündigen und daher auf diese lebensrettende Gnade jeden Tag angewiesen sind. Sprechen wir diese Vergebung doch auch immer wieder unserem Nächsten zu.

Stimmen wir in diesem Zusammenhang doch ein in den ersten Vers des Liedes: „Mir ist Erbarmung widerfahren…“ (EG 355) von Philipp Friedrich Hiller, der da lautet, wie folgt:

Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat’s nie begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit.

Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig
Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und eine ganz tolle Woche unter der immerwährenden Gnade unseres Herrn.

Bleiben Sie von diesem Herrn alle wohl behütet.

Es grüßt Sie alle ganz herzlich
Ihr

Ulrich Naber