Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich am heutigen 20. Sonntag nach Trinitatis. Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir im Buch Prediger, Kapitel 12, die Verse 1-7. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: “ Sie gefallen mir nicht“; ehe die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster werden und Wolken wiederkommen nach dem Regen, – zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, und wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, und wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leiser wird, und wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesangs sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

 

Liebe Gemeinde,

bei dem Lesen des Textes musste ich zunächst an den bekannten Schauspieler und Entertainer Blacky Fuchsberger denken. Dieser hat einmal ein Buch mit dem Titel: „Alt werden ist nichts für Feiglinge“
geschrieben. Und wenn ich mir die Zeichen des Alterns, die Salomo recht poetisch umschreibt, genauer anschaue, dann hatte Herr Fuchsberger schon Recht.

Böse Tage, Kräfteverfall und die stets nach abwärts gerichtete Lebensspirale sind etwas, woran wir alle nicht so gern denken. Und dennoch, liebe Gemeinde, gibt es einen Reiz des Alterns. Lassen Sie uns diesen doch einmal genauer betrachten:

1. Weisheit

Mit jeder Erfahrung in unserem Leben werden wir ein bisschen weiser.
Jede Niederlage lehrt uns, neue Wege zu gehen. Und wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, dann erkennt man im Rückblick ganz deutlich Gottes Spuren in seinem Leben.

Ich kann für mich nur sagen, dass Gott mich in etlichen Krisen in meinem Leben wunderbar geführt, geleitet und begleitet hat.

Als ich in diesen Krisen steckte, war dies nicht so deutlich erkennbar, da ich ja noch glaubte alles alleine bewältigen zu müssen. Heute weiß ich, dass Gott im Hintergrund die Fäden gezogen hat.

Heute weiß ich, dass ich lebe, weil Gott es so will. Oder wie es der Apostel Paulus so schön ausgedrückt hat: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“

Diese Weisheit kann aber erst dann entstehen, wenn ich mich nicht mehr selber über meine Leistung definieren muss. Solange ich in der Leistungsspirale gefangen bin, habe ich meist keine Zeit über des Gottes Wirken nachzudenken.

Heute kann ich mir die Zeit und die Muße gönnen, genau dies zu tun. Und dies ist schon ein Reiz des Alterns.

 

2. Brückenbauer

Ja, in den Hochzeiten meiner Schaffenskraft da war ich ganz auf mich und auf mein Ein- und Fortkommen fokussiert. Jeder Wettbewerbsvorteil gegenüber einem Konkurrenten brachte mich ein Stück weiter dem erstrebten Ziel entgegen.

Nur keinen Deut nachgeben. Es muss immer weitergehen, aber bitteschön immer nach oben. Das ist doch Devise nach der sehr viele Menschen leben.

Heute sehe ich die Welt ein wenig anders. Irgendwann kommen wir schließlich alle einmal an den Punkt wo es einfach kein höher, weiter und besser mehr gibt. Da kommt der Punkt, wo wir sagen müssen: Bis hierher und nicht weiter.

Das kann eine Erkrankung sein, die uns ausbremst oder aber der allseits bekannte Burnout, der dafür sorgt, dass es aus ist mit höher, weiter und besser.

Und dann muss ich erkennen, dass ich für die anderen keine Konkurrenz mehr bin.

Aber ich habe die Chance, mein Wissen und meine Erfahrungen an die jüngere Generation weiterzugeben. Ich muss nichts mehr geheim halten, was mir geholfen hat. Ich darf alles mit vollen Händen weitergeben.

Und ich kann auch meinen reichen Erfahrungsschatz des Glaubens an die Jüngeren weiterreichen. Ich kann ihnen berichten, wo ich Gott ganz deutlich gespürt und sein Wirken ganz deutlich erlebt habe. Ich kann ihnen berichten, was mir mein Leben lang geholfen hat, den Glauben nicht aufzugeben, auch wenn es manchmal schwere Zeiten gab.

Daher führe ich schon seit über 30 Jahren ein Glaubenstagebuch, in welchem ich meine ganz persönlichen Erfahrungen mit unserem Herrn festhalte.

Hier habe ich die feste Gewissheit in der Hand, dass Gott lebt und regiert bis in alle Ewigkeit. Ja, er hat und wird auch weiter mein kleines Leben regieren.

Und dies weiterzusagen ist auch ein Reiz des Alterns.

 

3. Der Staub

Ja und dann darf ich auch daran denken, dass mich jeder neue Tag meines Lebens dem Ende näher bringt.

Altersweisheit ist auch die Weisheit, die erkannt hat, dass die Zeit nicht wie bei einer Uhr rundläuft und immer auf’s Neue beginnt. Ich erkenne, dass die Zeit eine Achse ist, die irgendwann einmal endet.

Viele unserer Freunde und Bekannten sind vielleicht schon vor uns heimgegangen. Daher wird auch unser Lebenskreis immer kleiner.

Ein kleinerer Lebenskreis bedeutet auch mehr Zeit für mich. Ich kann darf und sollte mich in dieser Zeit auch auf mein eigenes leibliches Ende vorbereiten.

Ich habe Zeit darüber nachzudenken, wie es denn wohl in der Ewigkeit sein wird. Wen werde ich dort alles wiedersehen? Auf wen freue ich mich ganz besonders?

Wer diese Chance des Alterns wirklich nutzt, der ist ein Mensch, der friedlich heimgehen kann. Ein Mensch, der einfach nur die Seiten wechselt. Ein Mensch halt, der sich auf die ewige Gemeinschaft mit Gott schon hier auf Erden freut.

Diese Reize des Alterns sollten wir alle nutzen.

Wenn wir uns dankbar daran erinnern, wie Gott uns in unserem Leben immer wieder treu zur Seite gestanden ist, wenn wir dies an die Jüngeren weitergeben und wenn wir uns auf unseren Heimgang vorbereiten, dann, liebe Gemeinde ist das Altern eine sehr schöne und sinnerfüllte Zeit für uns alle.

Lassen Sie uns zum Abschluss des heutigen Gottesdienstes gemeinsam in den 2. Vers des Liedes „Vertraut den neuen Wegen..“ (EG 395) von Klaus Peter Hertzsch einstimmen, der da lautet, wie folgt:

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht, der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.

Es grüßt Sie alle ganz herzlich
Ihr

Ulrich Naber

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