ePredigt vom 09.10.2011 (Jeremia 22-26, 32-33)

Liebe Gemeinde,

ich grüße Sie alle recht herzlich am heutigen 16. Sonntag nach Trinitatis. Der heutige Sonntag steht ganz unter dem Vorzeichen der Liebe und der Güte Gottes uns Menschen gegenüber.
Den dazugehörigen Predigttext finden wir im 3. Kapitel der Klagelieder Jeremias,
die Verse 22-26 und 31-32. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Gemeinde,

was um alles in der Welt haben denn nun Klagelieder mit der Liebe Gottes zu tun. Ein wenig sonderbar ist dies schon. Wenn wir uns die ersten beiden Kapitel der Klagelieder und die letzten beiden Kapitel anschauen, dann geht es in der Tat fast nur um Sünde, Strafe und Gericht. Aber
genau mitten drin in diesem Buch, also im 3. Kapitel und somit als zentraler Mittelpunkt dieses Buches wird uns die Liebe und die Güte Gottes offenbart, die über allem steht.

Was zeichnet denn nun die Liebe und die Güte Gottes aus ? Lassen Sie uns am heutigen Sonntag dieser Frage ein wenig näher auf den Grund gehen.

1. Jeden Tag auf’s Neue

So lesen wir es in unserem heutigen Predigttext. Jeden Morgen, wenn wir aufwachen und aufstehen sind wir schon von der Güte und Barmherzigkeit unseres Herrn umgeben. Diese Liebe will uns den ganzen Tag lang begleiten. In dieser Liebe dürfen wir uns immer und ewig geborgen fühlen. In diese Liebe dürfen wir uns zurückziehen, wenn wir mit „der Welt da draußen“ nicht mehr zurecht kommen. Das ist die eine Seite der Medaille, aber was ist, wenn wir wieder einmal gesündigt haben ? Genau dann gilt dieses Zusage unseres Herrn auch weiterhin.

Wenn wir sündigen, unsere Sünden bereuen und unseren Herrn um Vergebung bitten, dann dürfen wir immer wieder auf’s Neue anfangen ein Leben IN Ihm zu führen. Wir müssen keine großartigen Bußopfer erbringen oder Wallfahrten auf den Knien durchführen. Als Seine Kinder erwartet unser
Herr nur, dass wir auch ehrlichen Herzens bereuen, was wir Ihm durch unsere Sünden angetan haben.

In einem noch viel größeren Ausmaße, wie wir unsere leiblichen Kinder lieben, werden wir von Gott geliebt.

2. Liebe bleibt ewig

ER verstößt nicht ewig. Nein, liebe Gemeinde, ER, der die Liebe ist, kann gar nicht anders, als uns zu lieben. Gewiss, wer liebt, der züchtigt auch. Kommen wir wieder einmal zu den leiblichen Kindern zurück. Wenn eines unserer Kinder unvermittelt auf eine lebhafte Straße läuft und nicht nach rechts und nach links blickt, dann stockt uns sicherlich allen unser Atem. Im Anschluss daran werden wir wohl alle ein sehr ernsthaftes Gespräch mit unserem Nachwuchs führen und ihn spüren
lassen, dass etwas gewaltig falsch gelaufen ist.

So ist es auch in Gottes Reich. Wie oft rennen wir einfach mit Vollgas in die falsche Richtung. Wir rennen häufig so lange, bis wir auf ein Hindernis treffen, welches uns stolpern, wenn nicht sogar fallen lässt. Unserem Herrn ist es nicht egal, dass wir stolpern, Er freut sich auch nicht darüber. Genau so, wie wir unsere Kinder zur Einsicht erziehen, so will auch unser Herr uns zur Einsicht erziehen. Zu der Einsicht, dass es immer besser ist, stets SEINEN Weg zu gehen, als unsere eigenen. Und da kann es schon einmal sein, dass Er uns eine Zeit der Besinnung schenkt.

Wenn ER uns dergestalt betrübt, dann geschieht dies doch nur zu unserem Besten. Es ist gerade diese Zeit so wertvoll, wo wir über die falschen Wege nachdenken können. Würde uns der Herr diese Zeit nicht geben, es würde nicht lange dauern und wir würden den gleichen Fehler noch einmal begehen.

Aber, liebe Gemeinde, über allem steht die unendliche Liebe Gottes zu uns. Egal, was auch immer in unserem Leben geschehen mag, am Ende kommt immer Liebe dabei heraus. Darum ist es auch ein köstlich Ding, auf den Herrn zu hoffen, wie es uns Jeremia beschreibt.

3.Die Auserwählten

Gott schüttet Seine niemals enden wollende Liebe nicht querbeet über alle Menschen und den gesamten Planeten Erde aus. Es mag ja Menschen geben, die dies gar nicht wollen. Und auch diesen Wunsch respektiert unser Herr. Er läuft keinem hinterher, Er geht aber jedem entgegen, der sich auf den Weg zu Ihm macht.

Wörtlich lesen wir in unserem Predigttext: „Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.“

Es geht nicht darum, dass wir uns die Liebe Gottes verdienen müssen. Nein, es geht darum, dass wir uns zu unserem Herrn hinwenden. Wir lesen in unserem Predigttext das Wort „harren“. Harren bedeutet soviel, wie potentiertes Hoffen. Das sagt uns nun auch nicht viel, aber lassen Sie es mich so ausdrücken: Harren ist die Haltung, die man einnimmt, wenn man in Anfechtungen jedweder Art steckt und trotzdem die große Zuversicht auf die Güte unseres Herrn die Oberhand behält.

Egal, was auch geschieht, ich halte fest an meinem Herrn. Er ist der einzige, der mich aus allen Nöten und Gefahren befreien kann und durch diese hindurch geleiten kann. Diese innere Grundhaltung ist gemeint, wenn es um das „Harren“ geht.

Aber der Satz geht ja auch noch weiter. Wir lesen „und dem Menschen, der nach ihm fragt“. Nehmen wir einmal an, ein junges Paar findet zueinander. Es wäre schon sehr merkwürdig, wenn es diese beiden Menschen nicht interessiert, was der jeweils andere mag, welche Ansichten er hat und was sein Tun und Treiben bestimmt. Die Beziehung wäre sehr bald zu Ende, wenn sie nicht miteinander reden und immer mehr voneinander erfahren würden. Nur wenn dies geschieht, kann man schließlich den anderen auch richtig verstehen.

Genau so funktioniert auch unsere Beziehung zu Gott. Wenn wir an ihm interessiert sind, dann wollen wir doch sicher mehr von Seinem Wesen wissen. Wenn wir Ihm unser Leben übergeben, dann möchten wir doch ganz genau wissen, wem wir unser Leben anvertraut haben. Alles andere wäre sicherlich ein wenig sonderbar. Es ist sicherlich so, dass wir in der Bibel und im Gottesdienst oder anderen christlichen Gemeinschaften sehr viel allgemeines und generelles von unserem Herrn erfahren. Das betrifft das grundsätzliche Leben als Christ. Aber erfahren wir auch etwas über
unser ganz spezielles Leben, was nur uns ganz persönlich betrifft ?

Die Antwort lautet eindeutig: JA. In unserem Gebet mit unserem Herrn und in der Stille erfahren wir alles, was uns ganz persönlich betrifft. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um das eilig heruntergerasselte „Vater unser“ und es geht auch nicht um die stille Zeit von maximal 60
Sekunden. Gebet und stille Zeit brauchen Zeit. Denken wir doch bitte daran, Gott nimmt sich diese Zeit für uns, da sollte es selbstverständlich sein, dass wir uns auch Zeit für Ihn nehmen. Und
sollte es anfangs nicht alles so klappen, wie wir es uns vorgestellt haben, denken wir daran, auch hier macht Übung den Meister.

Eines dürfen wir bei der stillen Zeit nämlich auch nicht vergessen: Wir kommen alle aus der Hektik unseres Alltages, wir brauchen eine gewisse Zeit der „Beruhigung“ bis wir ruhig vor Gott werden können. Im sonntäglichen Gottesdienst geschieht dies übrigens auch durch die Eingangsliturgie, die uns ruhig machen soll, ruhig vor Gott unserem Herrn und Heiland.

Was uns helfen kann, auch im Alltag zur rechten Ruhe vor unserem Herrn zu finden ist der erste Vers des Liedes von Gerhard Tersteegen “ Gott ist gegenwärtig…“, welcher da lautet, wie folgt:

Gott ist gegenwärtig.
Lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte.
Alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge
Wer ihn kennt, wer ihn nennt,
schlag die Augen nieder:
Kommt, ergebt euch wieder.

Der Herr lasse Dich jeden Morgen spüren, dass Du in SEINER Liebe geborgen bist
Der Herr lasse Dich in trüben Tagen Deinen Weg mit IHM wieder erkennen
Der Herr gebe Dir jeden Tag Zeit und Ruhe, die Du allein in SEINER Gegenwart verbringen kannst

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen noch einen gesegneten Sonntag und eine fröhliche Woche in der ständigen Gegenwart unseres Herrn.

Es grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr

Ulrich Naber