Liebe Gemeinde,

ich grüße Sie alle recht herzlich am heutigen Sonntag, dem Sonntag Miserikordias domini. Die Erde ist voll der Güte des Herrn. So lautet der deutsche Name des heutigen Sonntages. Und um die Güte des Herrn geht es auch in unserem heutigen Predigttext. Wir finden den Predigttext für den heutigen Sonntag bei dem Propheten Hesekiel, im 34. Kapitel. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen.

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden ! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden ? So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an
die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selber weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will meine Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen Israels sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern
lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Liebe Gemeinde,

wenn wir den heutigen Predigttext einmal ein wenig genauer betrachten, dann treffen heute Kirche, Glaube und Gemeinde aufeinander. Heute geht es um das rechte Verständnis der Gemeinde, bzw. darum, wie unser Herr sich eine Gemeinde vorstellt. Drei Punkte sollten wir uns am heutigen
Sonntag ein wenig näher betrachten:

1. Die Kirche und ihre Hirten

Ungewöhnlich schroff geht der Herr gegen die Hirten der Gemeinde vor. Was war eigentlich im Vorfeld geschehen ? Nun, die Hirten der Gemeinde hatten sich von ihrem ursprünglichen Amt immer weiter entfernt. Stand anfangs noch Gott und Sein Wort im Mittelpunkt, so wurde dies nach und nach durch eigene Interessen ersetzt. Selbst die Einhaltung der Gebote wurde nicht mehr so genau genommen, wie dies von unserem Herrn vorgegeben war.

Indem man sich das Wort der Bibel zurechtbog, wurde diese eben den eigenen Lebensumständen entsprechend passend gemacht. Für einen selber Unbequemes ließ man tunlichst weg, während eigenen Vorteile zum Teil gnadenlos ausgenutzt wurden. Somit hatten die Priester nicht nur das
Wort Gottes verfälscht, sondern sie stellten sich auch über das ureigene Wort des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Schnell hatte man eine kirchliche Gesellschaft geschaffen, in welcher nicht mehr Gott der Regent war, sondern der jeweilige Hohepriester und seine nachgeordneten Instanzen. Gott sei Dank ist das natürlich heute alles ganz anders. Aber, liebe Gemeinde, ist es dies wirklich ?

Ist es nicht auch so, dass wir heute den Herrn Jesus schnell mal an die Seite drängen und die Bibel nach unserem Gutdünken auslegen ? Es ist ja auch noch nicht all zu lange her, dass ein Professor Bultmann begann, die ganze Bibel zu entmythologisieren. Was übrig blieb war allenfalls nur noch ein „Knigge“ für fromme Kirchgänger. Ich weiß auch nicht, woran es liegt, aber mich scheint es immer wieder in Kirchen zu ziehen, wo etwas gepredigt wird, was eigentlich nicht dahin gehört.

So durfte ich mir vor kurzer Zeit wieder einmal 20 Minuten von einer Kanzel herab anhören, warum Atomenergie schädlich ist. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Diskussionen, aber am Sonntag morgen auf der Kanzel möchte ich eine Auslegung des Wortes Gottes hören und nicht die
kirchlichen Stellungnahmen zu weltpolitischen Problemen erfahren. Dass sich viele Gemeinden in einem desolaten Zustand befinden, darf uns dann eigentlich auch nicht weiter verwundern. Mal ganz krass gesagt: Die Bild am Sonntag kann ich auch zu Hause lesen !!!

So ist es also nicht verwunderlich, dass der Herr den Hirten die Autorität wegnimmt und diese selber an sich nimmt. Und ganz im Vertrauen, es würde mich nicht wundern, wenn sich dieses
alttestamentarische Geschehen alsbald wiederholen würde.

2. Jesus und die Gemeinde

Gott sei Dank gibt es aber auch noch andere Gemeinden, Gemeinden, in denen der Herr Jesus im Mittelpunkt steht und auch entsprechend verehrt und angebetet wird. Und gerade diese Gemeinden sind es, die einen Hoffnungsschimmer am Horizont darstellen.

Wenn wir als Gemeinde wieder die uneingeschränkte Autorität des Herrn Jesus anerkennen, dann werden wir auch wieder dahin kommen, allein in Seinem Wort Seinen Willen zu erkunden. Und dann, das hat Er uns ja versprochen, wird Er auch mitten unter uns sein und uns zur Seite stehen. Er möchte ja, dass wir Gemeinde bauen, aber eben SEINE Gemeinde und nicht unsere Gemeinde.

Und zu dieser Gemeinde gehört es, dass wir uns mit all unseren Gaben und Fähigkeiten einbringen. Aber es gehört auch dazu, dass wir auch den anderen mit all seinen Begabungen und Talenten als das akzeptieren, was er ist, nämlich ein geliebtes Kind unseres Herrn. Und es gehört auch dazu, dass wir die Hirten unserer Gemeinde nach allen uns zur Verfügung stehenden Kräften unterstützen, soweit sie die reine und wahre frohe Botschaft und nichts als diese verkünden. Übrigens: Hier sind wir alle gefordert, wir dürfen uns nicht unter dem Vorwand „Da macht unser Pfarrer aber nicht mit“ verstecken.

3. Die Folgen

In einer Gemeinde, die derart strukturiert ist, liebe Gemeinde, da lässt sich das Wirken unseres Herrn fast schon direkt fühlen. Was macht Er aber in einer Gemeinde ganz konkret ? Auch dies erfahren wir in unserem heutigen Predigttext.

Eine solche Gemeinde bekommt die Kraft und auch die Autorität, den verlorenen Schafen nachzugehen und diese auch wieder in die Gemeinschaft zurück zu holen. In einer solchen Gemeinde werden all die, die dringend Trost und Hilfe benötigen aufgefangen und wieder aufgebaut. Eine solche Gemeinde schaut nicht zuerst auf die Starken in den eigenen Reihen,
sondern hat ein besonderes Augenmerk für die Schwachen. Dies können ältere Gemeindemitglieder sein, aber auch besonders hilflose und unselbständige Christen. All diese dürfen in der Gemeinde Jesu Christi erfahren, dass sie alle, aber auch wirklich alle, Seine geliebten Kinder sind.

Aber unser Herr benennt auch ausdrücklich die Starken und Mächtigen dieser Welt. So sie sich Ihm unterwerfen wird natürlich auch ihnen Schutz und Hilfe zuteil. Sie werden besonders behütet, da unser Herr ihnen natürlich auch viel abverlangt. Wir sehen also auch an diesem Beispiel, die Gemeinde Jesu Christi ist kein Haufen von Schwächlingen, sondern eine bunte Mischung von Menschen aller Nationen mit den unterschiedlichsten Begabungen, Talenten aber auch den
unterschiedlichsten Fehlern.

Sie alle finden in der Gemeinde unseres Herrn ein ewiges Zuhause, wenn sie sich allein dem Herrn anvertrauen und allein diesen über ihr Leben herrschen lassen. Natürlich ist es nicht so ganz einfach, das eigene „Ich“ abzulegen. Aber genau hierbei hilft einem jedem von uns auch die
Gemeinde unseres Herrn.

Dass Jesus und Sein Wirken alles in uns bewirken und dass wir aus uns heraus nichts tun können, dies beschreibt schon der Liederdichter Cornelius Friedrich Adolf Krummacher sehr schön in dem zweiten Vers seines Liedes „Stern, auf den ich schaue….“, der da lautet, wie folgt:

Ohne dich, wo käme Kraft und Mut mir her ?
Ohne dich, wer nähme meine Bürde, wer ?
Ohne dich, zerstieben würden mir im Nu
Glauben, Hoffen, Lieben, alles, Herr, bist du.

Der Herr stelle Dir Geschwister zur Seite, die Dich auf Deinem Glaubenswege treu begleiten
Der Herr gebe Dir selber die Kraft, Deine Mitmenschen auf allen ihren Wegen zu begleiten
Der Herr sende herab auf Dich SEINEN göttlichen Segen, der Dich stärkt für alle Herausforderungen in Deinem Leben.

Amen

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche unter dem Segen unseres Herrn.

Es grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr

Ulrich Naber

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