ePredigt vom 05.05.2013 (Matthäus 6, 7-13)

Liebe Gemeinde,

ich grüße Sie alle recht herzlich am heutigen Sonntag, dem Sonntag Rogate.
Unseren heutigen Predigttext werden Sie sicherlich alle bestens kennen, es ist nämlich DAS Gebet, das uns Christen weltweit vereint. Wir werden das Vater Unser niemals alleine beten, immer, wenn wir es beten betet rein statistisch gesehen ein Mensch auf dieser Welt dieses Gebet genau zeitgleich mit uns.
Wir finden den Predigttext bei Matthäus im 6. Kapitel, die Verse 7-13:

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel ! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde,

geht es Ihnen auch so: Wir kennen alle das Vater Unser und wir sprechen es immer wieder gemeinsam, aber haben wir uns eigentlich schon einmal ein paar tiefergehende Gedanken darüber gemacht, was wir da eigentlich beten ? Ich muss zu meiner Schande eingestehen, dass auch ich dies lange Zeit gar nicht gemacht habe. Ich habe Kommentare über Kommentare zu allen möglichen Bibelstellen gewälzt, aber zu dem Vater Unser habe ich lange, lange Zeit gar nichts gelesen. Es gehörte einfach so dazu, dieses christliche Hochgebet.

Grund genug also, dass wir uns am heutigen Sonntag gemeinsam ein paar Gedanken zu diesem Gebet machen. Wenn wir uns das Vater Unser betrachten, dann stellen wir fest, dass dieses Gebet in drei große Gebetsbereiche aufgeteilt ist.

1. Die drei Edelsteine

So werden sie auch genannt, die ersten drei Bitten des Vater Unser. In den ersten drei Bitten geht es nämlich nicht um das, was wir gerne wollen, sondern um das, was Gott will. Bei den meisten Gebeten, die wir sprechen, geht es ja doch immer wieder auch um unsere eigenen Anliegen.
Dafür dürfen wir auch bitten und beten. An wen sollten wir uns auch sonst mit all unseren Nöten, Sorgen und Problemen wenden ?

Wir dürfen aber bei aller Ich-Zentriertheit nicht vergessen, dass es immer in erster Linie um unseren Vater im Himmel geht. Er allein weiß letztendlich, was gut für uns ist. Daher dürfen wir auch inbrünstig beten „Dein Wille geschehe“

Bei den ersten drei Bitten des Vater Unser stellen wir uns also zurecht in den Hintergrund und unseren Herrn in den Vordergrund. Dadurch vermeiden wir auch zugleich jedmögliche Form der Frömmelei und des frommen Egoismus. Diese Gefahr lauert nämlich latent in einem jeden von uns.

Aber gehen wir doch noch einen Schritt zurück. Bleiben wir ganz kurz bei der Anrede. „Vater Unser“ so nennen wir unseren Herrn gleich zu Beginn des Gebetes. Für alle diejenigen, die ihr Leben Gott übergeben haben, für all diejenigen ist ER es auch tatsächlich, unser Vater im Himmel. Und wie ein irdischer Vater ständig um das Wohl seiner Kinder bemüht ist, so dürfen wir auch mit Fug und Recht darauf vertrauen, dass unser Vater im Himmel mindestens so besorgt um uns und unser Wohlergehen ist, wie unsere irdischen Väter es waren bzw. sind.

2. Leibliche Bitte

Den drei Edelsteinen schließt sich eine leibliche Bitte an, über die wir ein wenig intensiver nachdenken sollten. „Unser tägliches Brot gib uns heute“.

Um satt zu werden benötigen wir Brot. Aber wir benötigen nicht unbedingt Wurst, Steaks und andere Leckereien, um nur einige wenige hervorzuheben. Wir bitten unseren Herrn genau darum , dass Er uns das gibt, was wir wirklich zum Leben und zum Überleben benötigen.

Schenkt Er uns mehr in Form von einem reinen Luxus, dann dürfen wir dafür mehr als dankbar sein und diesen Luxus auch genießen. Schenkt Er uns weniger, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass wir immer soviel zum Leben haben werden, wie wir auch wirklich benötigen. Und das, was uns
fehlt, das brauchen wir auch nicht wirklich.

Denken wir doch bei unseren nächsten Anschaffungen darüber nach, ob wir das alles wirklich benötigen, also, ob wir wirklich ohne diese Neuanschaffung Not leiden. Ich denke wir werden alle sehr überrascht sein.

Der zweite Aspekt dieser Bitte bezieht sich auf das Wort „Heute“. Oftmals plagen uns Sorgen um unsere Zukunft. Werden wir im Alter noch genügend Rente haben? Können wir unsere Wohnung noch bezahlen? Können wir uns den Aufenthalt in einem Pflegeheim erlauben ? Alle diese Fragen
können einen manchmal zur Verzweiflung führen.

Und dann ist es sehr wichtig, dass wir die Betonung dieser leiblichen Bitte des Vater Unser auf das Wort HEUTE legen. Heute ist der Tag an dem wir leben. Heute morgen sitzen wir alle zusammen. Heute wollen wir Gott loben und ehren. Morgen können wir schon längst im Himmel sein.

Natürlich sollen wir nicht einfach so in jeden Tag hineinleben.
Natürlich dürfen wir uns auch eine Rücklage für unser Alter bilden. Aber diese Sorgen sollen nicht all zu sehr unseren Alltag bestimmen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass unser Herr uns heute genug zum Leben geben wird. Und der morgige Tag ? Nun, wenn er angebrochen ist, dann ist schon
wieder „Heute“.

3. Geistige Bitten

Diese schließen sich der leiblichen Bitte an. Lassen Sie uns zwei Bitten zum Abschluss ein wenig näher unter die Lupe nehmen. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Das klingt schon ein wenig seltsam, wenn wir dies beten. Der Umkehrschluss bedeutet nämlich nichts anderes, als: Wenn DU uns unsere Schulden nicht vergibst, dann vergeben wir sie auch nicht denjenigen Menschen, die an uns schuldig geworden sind. Dies ist sicherlich mit dieser Doppelbitte nicht gemeint.

Wenn wir den Urtext der Bibel zu Rate ziehen, dann finden wir dort die Zeitform des Perfekts. Also müssten wir, so wir ganz korrekt sein wollen, das Wort „HABEN“ noch in diese Bitte integrieren, die dann ein wenig anders lautet: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben HABEN unseren Schuldigern.“

Nur wenn wir selber in der Lage sind, den Menschen zu vergeben, die an uns schuldig geworden sind, nur dann, liebe Gemeinde, dürfen wir den Gnadenerweis unseres Herrn auch für uns in Anspruch nehmen. Wie uns unser Herr immer und immer wieder vergibt, so sollen auch wir unseren Mitmenschen ihre Verfehlungen immer und immer wieder vergeben.
Eben die immer wieder 7×77 Mal, die wir aus der Bibel her kennen.

Ich hoffe, dass jetzt keiner sagt: „Kein Problem, das mache ich ein Leben lang schon so.“
Vor dem neige ich mein Haupt. Ich, liebe Gemeinde, habe nämlich immer wieder Schwierigkeiten mit dieser Doppelbitte. Natürlich nicht damit, dass meine Schuld vergeben wird. Mir gelingt es ehrlichen Herzens nämlich nicht immer so leicht, allen Menschen zu vergeben, die mir Leid in welcher Form auch immer angetan haben.

Aber, und jetzt kommt das schönste Aber , das ich kenne: Ich bin Gottes geliebtes Kind. Mit allem was mich bedrückt und mit allem wo ich meine Schwierigkeiten habe, mit all dem darf ich zu IHM kommen und IHN um Seine Hilfe bitten.

Liebe Gemeinde, ich hab es immer wieder ausprobiert und ich kann ihnen nur sagen: Es klappt. Wenn ich allein nicht vergeben kann, dann bitte ich meinen Herrn um Seine Hilfe. Ich habe es noch niemals erlebt, dass Er diese Bitte überhört hat. Vielleicht hat Er sie nicht immer innerhalb weniger Sekunden beantwortet, aber es hat nie lange gedauert und ich konnte von ganzem Herzen vergeben.

Wenn wir uns der täglichen Führung und Leitung durch unseren Herrn voll und ganz hingeben, dann können wir alle in den 9. Vers des Liedes „Großer Gott, wir loben dich…“ einstimmen, der da lautet, wie folgt:

Sieh dein Volk in Gnaden an.
Hilf uns, segne, Herr, den Erbe;
leit es auf der rechten Bahn,
dass der Feind es nicht verderbe.
Führe es durch diese Zeit,
nimm es auf in Ewigkeit.

Der Herr gebe Dir Erkenntnis, SEINEN Willen zu erkennen
Der Herr gebe Dir allezeit alles, was Du zum Leben benötigst
Der Herr schenke Dir immer wieder die Kraft der Vergebung

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen einen schönen Start in die neue Woche. Lassen Sie uns doch jeden morgen nach dem Weckruf unserer Wecker mit diesem christlichen Gebet beginnen.

Es grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr

Ulrich Naber