Liebe Gemeinde,

ich grüße Sie alle recht herzlich am heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis. Unseren heutigen Predigttext finden wir im 1. Petrusbrief, Kapitel 3, die Verse 8-15a. Lassen Sie uns diesen Text zunächst gemeinsam lesen:

Mahnungen an die Gemeinde

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn “ wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nicht Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun.“ (Psalm 34, 13-17). Und wer ist’s der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert ? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig.
Fürchtet euch nicht vor dem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

Liebe Gemeinde,

überall wo wir in einer Gemeinschaft zusammen sind, gibt es bestimmte Regeln. Wenn wir in einem Sportverein sind, müssen wir uns an die Regeln dieses Vereines halten. Sind wir parteipolitisch aktiv, müssen wir hinter dem Programm stehen, das die Partei vorgibt. Regeln sind nichts negatives, sondern ermöglichen erst den Zusammenhalt einer größerer Ansammlung von Menschen. So ist es auch in unseren Gemeinden, Hauskreisen und anderen christlichen Versammlungen. Petrus gibt uns
heute wertvolle Ratschläge an die Hand, wie ein Gemeindeleben und ein Leben darüber hinaus durch die Einhaltung gewisser Grundregeln für alle gedeihlich sein kann. Lassen Sie uns am heutigen Sonntag ein wenig über diese Regeln nachdenken.

1. Mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig

Wenn du heute was erreichen willst, dann musst du knallhart, unberechenbar und durchsetzungsfähig sein. So höre ich es immer wieder, wenn die soeben gehörten christlichen Kardinaltugenden von mir angesprochen werden. Das mag vielleicht der Fall sein, aber ich habe es
immer wieder beobachten können, dass ein auf diese Art und Weise „erarbeiteter“ Erfolg nicht all zu lange währt und von einem meist tiefen Fall begleitet wird.

Was wollen wir als Christen eigentlich erreichen ? Ein guter Bekannter von mir sagte einmal: „Als Christen haben wir das Vorrecht, den Menschen in unserer Umgebung das Leben etwas erträglicher zu gestalten.“ Und genau dazu benötigen wir unsere Kardinaltugenden. Das sind keine Tugenden für „Weicheier“ wie wir immer wieder so gern verspottet werden. Für diese Tugenden brauchen wir unseren Heiland im Rücken, ansonsten schaffen wir das gar nicht.

Mitleidig: Mitleid heißt mit dem anderen durch sein Leid zu gehen. Das hat nichts mit „das wird schon wieder“ zu tun. Den Leidensweg mit zu gehen bedeutet auf alle möglichen Emotionen und Verhaltensweisen gefasst zu sein und schon im Vorfeld zu ahnen, was als nächstes folgen wird. In
unserer Gemeinde existiert eine Gruppe namens Wegbegleitung e.V., die eine hervorragende Trauerbegleitung leistet. Alle Mitarbeiter berichten immer wieder, dass es manchmal eine echte körperliche und geistige Schwerstarbeit ist, Trauernde zu begleiten. Also nichts für Weicheier !

Brüderlich: Hier steht nicht „freundlich“, sondern brüderlich. Dies ist ein gewaltiger Unterschied. Häufig werden beide Begriffe in einen Topf geworfen. Dies wertet jedoch die Brüderlichkeit ab. Ich denke, Freundlichkeit ist uns allen möglich. Aber Brüderlichkeit, schaffen wir das auch immer wieder ? Brüderlichkeit heißt zunächst einmal, dass der andere für mich ein Bruder ist, er also zu derselben Familie gehört, zu welcher ich gehöre. Er hat genau so viele Rechte und Pflichten in der
Familie, wie ich sie habe. Geben wir z.B. dem nicht so gut betuchten Bruder so viel ab, wie wir es innerhalb unserer eignen Familie tun würden ? Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich dies nicht tue. Helfen wir fremden Kindern, die sich in der Schule etwas schwer tun genau so, wie wir es bei den eigenen Kindern tun ? Auch hier muss ich leider für mich Nein sagen. Auch Brüderlichkeit ist also nichts für Weicheier !

Barmherzigkeit: Barmherzigkeit wird oft mit Spendenbereitschaft und milden Gaben verwechselt. Barmherzigkeit ist eine schwere Gabe, die uns häufig alles abverlangt. Grob ausgedrückt ist Barmherzigkeit die Liebe aus unserem Herzen, die dem anderen entgegengebracht wird, obwohl ihn alle anderen nicht beachtet oder sogar missachten und verstoßen haben. Ein Vorbild finden wir in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Mutter Teresa war ebenfalls ein leuchtendes Beispiel für Barmherzigkeit. Schaffe ich das, ganz nach unten zu gehen und den Menschen meine ganze Liebe zu geben, die einfach gar nichts mehr haben und auf mich angewiesen sind ? Ich glaube, Barmherzigkeit ist auch nichts für Weicheier !

Demut:Demut hat nichts mit Unterwürfigkeit im herkömmlichen Sinne zu tun. Demut heißt, erkennen, dass ich selber gar nicht mitleidig, brüderlich und barmherzig sein kann. Ich möchte es zwar gern, aber ich kann es einfach nicht dauerhaft vollbringen. Gewiss, die ein oder andere Tat ist sicherlich schon ganz in Ordnung, aber dauerhaft schaffe ich es einfach nicht allein. Aber ich habe jemanden, der mir immer wieder hilft, diese Kardinaltugenden auszuüben. Unser Herr Jesus Christus gibt uns immer wieder die notwendige Kraft und Stärke, um mitleidig, brüderlich und barmherzig sein zu können. Ohne IHN schaffen wir nichts, aber mit IHM schaffen wir alles.

2. Die Zunge

Durch nichts entsteht so schnell Zwietracht und Streit als durch den Gebrauch dieses kleinen Organs. Nicht nur christliche Gemeinden kann es sprengen, die Zunge kann ganze Weltkriege auslösen. Und darum sollen wir unsere Zunge hüten. Sie kennen alle den Spruch: „Gott hat uns zwei Ohren aber nur einen Mund gegeben, damit wir doppelt soviel zuhören, wie reden
sollen.“

Die Zunge im Griff haben ist nicht einfach. Wie schnell sind wir doch versucht das neueste Gerücht weiter zu erzählen. Genau davor sollen wir auf der Hut sein. Bei allem, was wir über die Zunge verbreiten, dürfen wir uns die philosophische Frage der Antike stellen:
Ist es richtig, was ich weiter erzähle ? Ist es wichtig, was ich weiter erzähle ? Und nutzt es irgend jemandem, wenn ich dies weiter erzähle ?
Bei einem einzigen Nein sollen wir ganz einfach unseren Mund halten. Probieren wir es doch einfach mal im täglichen Alltag.

Wir haben dies in Kleingruppen in der Gemeinde einmal gemacht unter der Verpflichtung, dass einer den anderen sofort darauf aufmerksam macht, wenn die „Dreierregel“ verletzt wird. Am Anfang haben wir alle immer wieder dagegen verstoßen. Nach und nach kam etwas in die Gruppe hinein, was ich einfach mal als Besonnenheit und Friede bezeichnen möchte. Sich nicht am Tratsch zu beteiligen hatte auf einmal etwas ganz befreiendes. Wenn über jemanden schlecht gesprochen wurde antworteten wir mit etwas Positivem, was dieser Person auch anhaftet. Ganz schnell ebbten
Gerüchte, Klatsch und Tratsch ab. Machen Sie auch mal diesen Versuch. Es macht auch jede Menge Spaß.

3. Der Friede

Wenn ich mir unsere Welt derzeit anschaue, dann suche ich Frieden überall vergeblich. Überall auf der Welt hören wir etwas von Unruhen, Bürgerkrieg und anderen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Wir können zwar im Gebet um den Frieden auf der ganzen Welt bitten. Aber das Wort Frieden in unserem Predigttext bedeutet etwas ganz anderes. Es bedeutet nicht die Abwesenheit von Streit, sondern Frieden mit Gott. Danach sollen wir als Gemeinde streben, nach Frieden mit Gott. Wir sollen uns nach dem Zustand sehnen, der die Gnade Gottes herbeiführt. Diese Gnade Gottes beseitigt die Nöte und das Durcheinander unseres Lebens und gibt uns innere Ruhe und Gelassenheit. Dieser Friede ist auch Teil der Kraft, die uns mitleidig, brüderlich und barmherzig werden lässt.

Daher möchte ich schließen mit den Worten: Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen in Christus Jesus unserem Herrn zum ewigen Leben.

Um diesen Frieden bittet auch der Liederdichter Jürgen Henkys im vierten Vers seines Liedes „Gib Frieden, Herr, gib Frieden…, der da lautet, wie folgt:

Gib Frieden, Herr, gib Frieden
denn trotzig und verzagt
hat sich das Herz geschieden
von dem, was Liebe sagt !
Gib Mut zum Händereichen,
zur Rede, die nicht lügt,
und mach aus uns ein Zeichen,
dafür, dass Friede siegt.

Der Herr schenke Dir Demut, die Dich vor Hochmut bewahrt
Der Herr schenke Dir Frieden, damit Du in IHM Ruhe findest
Der Herr erfülle Dich mit Barmherzigkeit, die Du immer wieder
weitergeben kannst

Amen.

Liebe Gemeinde,

ich wünsche Ihnen allen noch einen gesegneten Sonntag und einen fröhlichen Start in die neue Sommerwoche.

Es grüßt Sie alle recht herzlich
Ihr

Ulrich Naber

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